AUGENBEFUNDE ALS LEITSYMPTOM BEI
CYSTINOSIS
von Ursula M. Mayer und Sandra Dohrmann
Aus der
Augenklinik mit Poliklinik der Universität Erlangen-Nürnberg
(Vorstand:
Prof. Dr. med. Dr. h.c. G.O.H. Naumann)
Bei der Cystinose
handelt es sich um eine seltene, autosomal rezessiv
vererbte Erkrankung des Aminosäuren-Stoffwechsels. Sie kommt in Deutschland
etwa bei einem von 179.000 Menschen vor. Dabei besteht ein Defekt im intralysosomalen Cystintransport,
der zu einer Anhäufung des Cystins in Knochenmark,
Leber, Nieren und Mastzellen führt (Gahl und Mitarbeiter
1982). Die genetische Lokalisation liegt nach Mc
Dowell und Mitarbeitern (1995) am kurzen Arm vom Chromosom 17. Der Locus wird
beschrieben als D 17 S 829 und soll bei 23 von 70 Patienten homocygot
deletiert sein. Town und Mitarbeiter identifizierten
1998 ein neues Gen (CDNS), welches dem Deletionsintervall
zugeordnet werden konnte.
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| Abb.1 |
Am Auge können Hornhaut, Linse und Netzhaut betroffen werden (Kaiser-
Kupfer und Mitarbeiter 1987). Die Patienten klagen über Lichtscheu und Tränen und müssen vermehrt blinzeln. Augenärztliche Befunde ermöglichen eine Blickdiagnose: Am Spaltlampenbild sieht man die Ursache für die Beschwerden: nämlich in die Hornhaut eingelagerte Cystin-Kristalle.
Kasuistiken:
Patient 1 war ein 2 ½ jähriges Mädchen, welches wegen Kleinwuchs und Polydipsie aufgefallen war. Radiologisch fanden sich rachitisähnliche Veränderungen der Epiphysen. Biochemisch zeigte sich eine verminderte Phosphatrückresorption, 40 und 45 %, statt 80 bis 95 %, eine Hyperaminoazidurie und eine dreifach erhöhte Aminosäurenausscheidung. Die freie intrazelluläre Cystin-Konzentration in den Leukozyten war mit 1,73 nMol/mg deutlich erhöht, denn der Normbereich liegt unter 0,2 nMol/mg. Feine subepitheliale Hornhauteinlagerungen fielen erst im Alter von 2 ½ Jahren auf, als man
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| Abb.2 |
das Kind an die Spaltlampe bringen
konnte (Abbildung 1 und 2). Diese Einlagerungen wurden durch die gute pädiatrische
Einstellung, wie durch die zugleich laufende Applikation von Cysteamin
Augentropfen (AT) alle 2 bis 3 Stunden täglich bis auf gelegentliche Entgleisungen
(Abb. 2) so gering gehalten, dass das
Kind keinerlei Einschränkung seiner Sehschärfe erfuhr.
Patient 2. war eine Junge
von 1 ½ Jahren, welcher durch rezidivierende Infekte
des Bronchialbaumes sowie durch Erbrechen, Appetitlosigkeit und Polydipsie
aufgefallen war. Aus einer weiteren Ehe zwischen den beiden Familien entstammen
zwei Patienten, die im Alter von 2 und 7 Jahren an den Komplikationen einer
Cystinose verstorben sind. Die pädiatrischen Hauptsymptome
bestanden in renaler Osteopathie mit X-Beinstellung,
Pseudohypoaldosteronismus und Minderwuchs. Der Patient klagte
massiv über Lichtscheu und zeigte dichte Cystineinlagerungen
in die Hornhaut (Abbildung 3 und 4).
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| Abb.3 |
Auch dieser Patient bekam 0,5 %ige Cysteamin-AT. Sein Schicksal
bestimmte der pädiatrische Verlauf:
Mit 9 Jahren wurde die Hämodialyse unumgänglich. 1 Jahr später erfolgte aufgrund
einer terminalen Niereninsuffizienz eine Nierentransplantation.
4 Jahre später erlitt das Kind eine Transplantationsabstoßungsreaktion und
eine chronische Epstein-Barr-Virus-Infektion. Im
Alter von 21 Jahren trat eine Magenperforation infolge eines Lymphoms auf, welche der Patient nicht überlebte.
Der 3. Patient war mit 6 Monaten wegen Gedeihstörungen
auf sich aufmerksam, und die Diagnose einer nephropathischen Zystinose wurde im Rahmen dieser ersten Durchuntersuchung gestellt. Noch im Alter von 3 Jahren fand sich bei ihm keine Hornhautbeteiligung. Mit 4 Jahren ließen sich an der Spaltlampe vereinzelt Cystin-ablagerungen in der Hornhaut erkennen, die sich unter der Behandlung von 5 x 0,55 %igen Cysteamin-AT niemals als störend erwiesen. Der Patient nahm die
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| Abb.4 |
Augentropfen fast alle 2 Stunden
und behielt unter dieser Behandlung eine Hornhaut, die völlig frei von Cystin-Kristallen war.
Die pädiatrische Diagnose stützt
sich in allen Fällen auf eine Symptomatik, wie Appetitlosigkeit, Erbrechen,
Fieber, Wachstumsstillstand und Dehydration. Dies alles sind unspezifische Symptome, bei denen eine Blickdiagnose,
wie unser Spaltlampenphoto, richtungsweisend sein könnte.
Das pädiatrische Leitsymptom bestand
in der mangelhaften Ausbildung der Handwurzelknochen und in der Nierenfunktionsstörung.
Eine Erhöhung der Cysteaminkonzentration auf 0,7%
führte zu Brennen der Konjunktiva und somit zu einer
verminderten Compliance. Zur Bestätigung reichte
der Nachweis von über 0,2 nM Cystin pro mg Protein, welches säulenchromatographisch nachgewiesen
werden konnte. Die Therapie lag in den Händen der Pädiater und betraf die
ganze Stoffwechselsituation. Auch Cysteamin fand
im Rahmen der systemischen Therapie Verwendung.
Die Therapie seitens der
Augenärzte bestand im Verabreichen von Lichtschutzbrillen mit UV-Absorption und
dem Versuch der Anpassung eines polarisierenden Filters. Eindeutig günstige
Erfolge erzielten wir seit 1980 durch die Anwendung einer 0,5 %igen Cysteamin-AT-Lösung, welche
3 bis 12 x am Tag lokal in den Bindehautsack getropft werden mußte. In allen
Fällen zeigte sich allein durch diese lokale Maßnahme eine deutliche Aufhellung
der Hornhaut und dem 3. Patienten wurde jede störende Augensymptomatik durch
diese Tropfen sogar vollständig genommen. Die Tropfen trugen bei unserem
Patienten Nr. 3 dazu bei, das Datum für eine Keratoplastik definitiv zu
verschieben.
Rezept für 0,5 %ige Cysteamin-AT:
0,05 g Cysteamin
HCl, 0,064 g NaCl, 0,001 % Benzalkoniumchlorid, Aqua purificata
0,099, Aqua ad injectionem ad 10,0 ml.
Eine Erhöhung der Cysteamin-Konzentration auf 0,7 % führte zu Brennen der
Conjunktiva und somit zu
einer verminderten Compliance.
Diskussion:
Von Seiten der Pädiater wird
zwischen infantiler und juveniler Cystinose
unterschieden. Die beschriebenen Patienten gehören am ehesten zur infantilen
Form. Ein Unterschied in der Hornhaut-Symptomatik fiel nicht auf, allerdings
traten die Einlagerungen in unterschiedlichem Lebensalter und in
unterschiedlicher Ausprägung zutage.
Mc Donald und
Mitarbeiter 1996 und Dufew mit seinen Mitarbeitern
1986 konnten eine Linderung der Photophobie ohne Auflösung der Kristalle
beobachten.
Schlußfolgerung:
Anhand dieser drei ophthalmologischen Datenstellungen sollte das Bild der
Einlagerung von Cystin-Kristallen in die Hornhaut
gezeigt werden, welches als pathognomisch für die Cystinose gilt. Eine lokale Behandlung mit Cysteamin AT führte zu gutem Erfolg.
Legenden:
Abb.
1 und 2
Rechtes Auge der Pat. 1 in den
Jahren 1995 und 2000. Die Pat.
hatte
2000 weniger AT genommen; die Einlagerungen ließen
sich
durch Cysteamin AT sichtlich reduzieren.
Abb.
3 und 4
Übersichts- und
Spaltenlampenfoto von Pat. 2 (rechtes Auge)
Literatur:
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Dufier JL, Dhermy P, Gubler MC, Gagnadoux MF, Broyer M.:
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Gahl
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Defective cystine exodus from isolated
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J. Biol. Chem. 1982; 257: 97j50-9755
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Graef
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Klin Monastbl Augenheilkd 1992; 201: 48-50
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Jones NP, Postlethwaite RJ, Noble JL:
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Kaiser-Kupfer MI, Caruso RC, Minckler DS, Gahl WA.:
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