Die Augenheilkunde in der Europäischen Union zu Beginn des 21.
Jahrhunderts und ihre Öffnung nach Osteuropa.

R. Grewe , Münster

 

Wenn man die Augenheilkunde in Europa an der Schwelle zum 3. Millennium analysiert, dann haben sich gerade in der 2. Hälfte diesen Jahrhunderts epochale Entwicklungen in Diagnostik und Therapie vollzogen.

Die Halbwertzeit ophthalmologischen Wissens sank von 1960 bis heute von 30 Jahren auf weniger als 5 Jahre.

Die Revolution durch elektronische Medien und Roboter hat uns erreicht.

 

 

Es gibt in der Medizin ein langfristiges, strategisches Dilemma, das jedes Land der Europäischen Union erfaßt, unabhängig davon welche Regierung an der Macht ist und das auch dann bestehen bliebe, wenn alle Ärzte und Patienten Engel wären und die Industrie ein Zweigbetrieb der Heilsarmee.

Dieses Dilemma  ist, daß die moderne Medizin in zunehmendem Maße zum Opfer ihres eigenen Erfolgs wird. Wäre die Medizin von heute nicht so gut wie sie es ist, blieben uns viele unangenehme Entscheidungen erspart. Das jetzige Gesundheitswesen impliziert in allen EU-Ländern eine patientenorientierte Gesundheitsförderung  mit Null-Kosten-Mentalität ohne Eigenverantwortung für den Patienten.

 

Gesundheitssystem

 

 

Die meisten Gesundheitssysteme in der EU verdienen eine Charakterisierung als System bisher nicht, da der systematische Zusammenhang fehlt.

 

Aus einer Ansammlung unverbindlicher sektorieller Teilsysteme: dem

ambulanten und stationären Bereich, der Rehabilitation und Pflege sollte ein integriertes System entwickelt werden, das in seinen Grundzügen in allen Ländern der EU eingeführt werden kann und finanzierbar ist.

 

Die Finanzierbarkeit ist in den Mitgliedsländern das Hauptproblem, da die meisten gesetzlichen Krankenversicherungen ganz oder teilweise aus Steuern bezahlt werden.

Dies bedeutet auch, daß der Staat als Gesetz-und Geldgeber Einfluß auf die Gesundheitsversorgung seiner Bürger nimmt. Der Staat zieht sich EU-weit aus Gründen der Kosten-und Risikoverlagerung zunehmend aus dem Gesundheitswesen zurück.

 

Die bisherige Finanzierung aus Steuern und/oder  Mitgliederbeiträgen wird schrittweise auf eine reine Beitragsfinanzierung über die Krankenkassen umgestellt. Dies bedeutet eine monistische Krankenkassenabhängigkeit, da derjenige, der bezahlt, auch seinen Einfluß auf das Gesundheitswesen ausübt.

Die Gesetzlichen Krankenkassen bereiten sich auf einen Harmonisierungsprozess in Europa vor. Sie wollen vom „Payer zum Player“ werden und eine globale Finanzsteuerung durchsetzen. Durch den effizenteren Einsatz von Versicherten-geldern soll eine weitgehende Preisstabilität erreicht werden.

Dieser Prozess geht zu Lasten der Heilberufe.

 

Die Zuzahlungsregelungen sollen im Sinne der Eigenverantwortung des Patienten EU-weit neu geregelt werden. Um die moderne Medizin bezahlbar zu machen, wird es neben einer Grundversicherung für alle Bürger zusätzliche Versicherungen geben, deren Umfang jeder nach seinem Bedarf gestalten kann.

Diese Form des Gesundheitssystems soll für die kommenden EU-Mitglieder wie Polen, Ungarn, Tschechien und den baltischen Staaten  schon im Vorgriff auf ein gesamteuropäisches Gesundheitswesen Zielsetzung sein.

Polen ist dieser Entwicklung bereits weitgehend gefolgt.

 

Erste regionale Versuche der monistischen Integration zeichnen sich in einigen Mitgliedsländern der EU ab. Es entstehen neue Formen der ambulanten Versorgung wie Praxisnetze zur Verzahnung hausärztlicher und fachärztlicher Leistungen unter Einbeziehung der Hochleistungsmedizin in Klinik und Krankenhaus, wobei zunehmend die Fachärzte nicht mehr in der freien Praxis sondern integriert in Krankenhäusern im Sinne von Polikliniken arbeiten. Dieses System gehört in den Niederlanden bereits zur Standardversorgung.

 

Nicht die Leistungsmenge, sondern die in bestimmten Zeiteinheiten erbrachte Qualität der Behandlung und die damit verbundenen Kosten werden künftig über den Erfolg der organisatorischen Neuerung im ambulanten und stationären Bereich entscheiden.

Hierzu wurden „Praxisorientierte Handlungsleitlinien für Diagnose und Therapie in der Augenheilkunde“ entwickelt, die sich an den „Preferred Practice Patterns“ der American Academy of Ophthalmology orientieren.

 

Der Einsatz der gesundheitsökonomischen Evaluation ist im Fall der vernetzten Praxen für alle Beteiligten von Interesse. Die am Netz teilnehmenden Ärzte können die Qualität und Wirtschaftlichkeit fortlaufend dokumentieren und haben somit gegenüber den Kostenträgern eine Basis für gerechtere Honorarverhandlungen.

 

Krankenhäuser haben einen gleichgelagerten Argumentationsbedarf. Die Krankenkassen können im Gegenzug erkennen, wofür sie Versichertengelder ausgeben. Auf diese Weise entstehen Argumente für den Wettbewerb der Kostenträger untereinander, sofern die bisher in der EU bestehenden Einheitskrankenkassen in Anlehnun2 an das deutsche Versicherungssystem pluriform werden.

 

Was würde der Aufbau des integrierten Gesundheitswesens

dem Arzt als Leistungserbringer nutzen?

So bestechend die Rolle der Gesundheitsökonomie für das Systemmanagement auch sein mag, der Arzt wird zum Medizinmanager. Dies ist sicher schon heute bei den Ärzten der Fall, die ihre Arbeit primär als Gelderwerb und nicht als Dienst am Patienten verstehen. Einige Ärzte wenden sich von den Grundwerten der medizinischen Ethik ab und zum globalisierten Kapitalismus hin.

Dieser Kapitalismus ist ein Amoralismus, d.h. er ist gegenüber allen moralischen Fragen neutral. Fragen der menschlichen Wertigkeit - also letzten Endes metaphysische Fragen -werden in ihm nur noch diskutiert, um Probleme wirtschaftlichen Erfolgs zu lösen.
Dabei entwickeln diese Ärzte die wunderbare Fähigkeit, so etwas wie eine manische Besessenheit zu produzieren und vergessen dabei, daß der medizinische Kapitalismus nur dann einer Selbstzerstörung entgeht, wenn er sich auf seine legitimen Antriebskräfte besinnt.

Ärztliche Behandlung erfordert zunächst Zuwendung, um das Vertrauen des Patienten zu gewinnen. Die Apparate- und Hightech-Medizin ergänzen notwendigerweise das Arzt/Patientenverhältnis, sie können es aber nicht ersetzen. Die persönliche Zuwendung ist in der gesundheitsökonomischen Evaluation nicht meßbar. Das Gespräch mit dem Patienten ist aber unser größtes Kapital, mit dem wir wuchern müssen.

Dies ist die moralisch-ethische Ausgangsposition, mit der wir am Ende des 2. Jahrtausends konfrontiert sind und die jeder nur für sich selbst entscheiden kann.

Universitätskliniken

Die Struktur der Universitätskliniken muß überdacht und den heutigen Erfordernissen angepaßt werden. Die Ärzte sind hier nicht nur in der Krankenversorgung tätig, sondern daneben noch Forscher und Lehrer.

Vermehrt werden an den Universitäten und Hochschulen die Bereiche Forschung und Lehre in diese integriert, während die ärztlichen Aufgaben in Klinik und Ambulanz einer eigenen Finanzgesellschaft zugeordnet werden, die sich aus Honoraren selbstständig finanzieren muß.

In der Klinik sollte sich künftig ein Teil der Ärzte bis hin zu den Oberärzten ausschließlich der medizinischen Maximalversorgung ohne Verpflichtung zu forscherischen Aktivitäten widmen.

Eine anspruchsvolle Krankenversorgung erfordert heute ein umfassendes Engagement und ständige Fortbildung. Allein dies ist kaum während eines üblichen Arbeitstages Unter Berücksichtigung der "Continous Medical Education" (CME) zu bewältigen.

In einer Klinik, in der zu viele Mitarbeiter neben der Krankenversorgung forschen, wird entweder die Forschung oder die Patientenversorgung vernachlässigt.

Eine derartige Trennung von Forschung und Lehre von der Krankenversorgung wird heute international geübt. Nur so wird dem hohen

Anspruch einer innovativen Maximalversorgung unserer Patienten ebenso Rechnung getragen, wie dem der modernen, oft multizentrischen und internationalen Forschung.

Besondere Leistungen in Forschung und Lehre müssen durch finanzielle Anreize gefördert werden.

Auch Studierende würden von dieser Regelung profitieren, da nur selten ein Dozent so begnadet ist, daß er die Fähigkeiten Arzt, Forscher und Lehrer zu sein in sich vereint.

Wenn wir Augenärzte an den wissenschaftlichen Standard der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts anknüpfen wollen, ist die grenzübergreifende Bündelung aller Forschungskräfte in Europa zwingend. Nur so können wir uns der außereuropäischen Dominanz entziehen.

Osteuropa wird wie in der Vergangenheit dazu einen wichtigen innovativen Beitrag erbringen.

Teamarztmodell

In den Kliniken muß das Teamarztmodell eingerührt werden, um ein interdisziplinäres Vorgehen durch den gleichzeitigen Einsatz qualifizierter Ärzte verschiedener medizinischer Teilgebiete effizienter zu machen.

Augenärztliche Fortbildung

Die Anforderungen an das aktuelle Fachwissen der Augenärzte steigen ständig. In der Europäischen Union wurde durch das Board of Ophthalmology die CONTINUOUS MEDICAL EDUCATION- (CME) gegründet. Die Section Ophtalmologie in der "Union Europeenne des Medicins Specialistes" (UEMS) erstellt zur Zeit ein Zertifizierungsprogramm für eine EU-weite augenärztliche Fortbildung, die sich in wesentlichen Ansätzen an der amerikanischen und britischen Fortbildungsordnung orientiert.

In Abstimmung mit den anderen EU-Ländern werden in Anlehnung an die USA Modelle diskutiert, die den Facharzt-Titel auf fünf Jahre begrenzen: "Facharzt auf Zeit". Durch die erfolgreiche Teilnahme an der Fortbildung kann dieser um weitere fünf Jahre jeweils verlängert werden

Vernetztes Denken

Neben Fachkompetenz, Patientenrührung und Motivation wird die Fähigkeit, vernetzt denken zu können, zunehmend wichtiger. Wissen ist eine Ressource, die sich durch Gebrauch nicht verbraucht sondern vermehrt.

Durch Kumulation des Wissens aller in Klinik oder Gemeinschaftspraxis tätigen Ärzte steigen die Chancen einer richtigen Diagnose und Therapie.

Dabei ist die Nutzung technischer Netzwerke wie Telemedizin, Inter-und Intranet Voraussetzung für erfolgreiches Wissensmanagement.

Dies verlangt vom Arzt ein völlig neues Arbeits-und Denkverhalten im Sinne der Integration, ohne die eine optimale Klinik-und Praxisrührung in Zukunft nicht mehr denkbar ist.

Patienteninformation und Patientenrechte

 

Ein Schwerpunkt der Amsterdamer Entschließung des Ministerrats der EU für das Gesundheitswesen ist die Verbesserung der Patienteninformation und Einhaltung der Patientenrechte.

Wenn man den sog."mündigen Patienten" will, muß dieser auch Zugang zu allen für ihn relevanten medizinischen Informationen haben. Eine Schlüsselrolle in der Unterrichtung kommt dem Arzt zu. Dieser kann seiner Beraterfunktion nur gerecht werden, wenn er über die notwendigen innovativen Diagnose-und Therapiekenntnisse im Sinne der EVIDENCE-BASED-MEDICINE verrügt. Hierunter versteht man den bewußten und sinnvollen Einsatz der aus der medizinischen Forschung resultierenden Methoden.

Rund die Hälfte aller schwerkranken Patienten konsultieren erst dann den Arzt, wenn ihre Krankheit fortgeschritten ist, sie mehr leiden müssen und die Behandlungskosten höher liegen. Die Verstärkung der Prävention in der Augenheilkunde ist daher unumgänglich.

Der Patient soll über seine Untersuchungsergebnisse umfassend unterrichtet und aktiv in Therapieentscheidungen eingebunden werden. Diese Form der Patientenbeteiligung ist in den USA Alltag.

Nur bei entsprechendem Informationsstand ist der Patient in der Lage, ein permanentes Gesundheitsmonitoring zu betreiben und Frühsymptome einer Krankheit richtig zu deuten.

Perspektiven für das europäische Gesundheitswesen

In der EU sind in einigen Bereichen mehr als 70% des nationalen Rechts bereits durch EU-Recht ersetzt worden. Dieser Trend wird auch im Gesundheitswesen durch die Verträge von Maastricht und Amsterdam zunehmend deutlicher. Die fortschreitende Konvergenz der Gesundheitssysteme in EU ist unausweichlich. Bisher konnten sich der Ministerrat und die Heilberufe nicht einmal im Ansatz über ein integriertes EU-Gesundheitswesen verständigen- Der Europäische Gerichtshof hat durch seine Grundsatzurteile eine Harmonisierung in Teilbereichen zu regeln begonnen, an die wir uns halten müssen. Grundsätzlich kann es aber nicht sein, daß der EU-Gerichtshof über unsere Interessen entscheidet und wir nicht willens oder fähig sind, das europäische Gesundheitssystem durch unsere ärztlichen Gremien aktiv mitzugestalten und unsere Vorstellungen einer optimalen Patientenversorgung durchzusetzen.

Wenn dies bei 15 Mitgliedsländern schwierig ist, wie wird es sein, wenn weitere 15 mitteleuropäische Länder in Kürze dazukommen

 

Was wird das neue Jahrhundert der europäischen Ophthalmologie bringen?

Wer seriöse Antworten erwartet, muß sich mit Vermutungen zufrieden geben.

Es geht nicht um Prognosen, sondern um Konturen, sowie Richtung und Tempo der Entwicklung.

Mit der Öffnung der EU nach Osten und dem Vordringen globalen Denkens wandelt sich das Selbstverständnis in der Medizin von der nationalen und regionalen Strategie  hin zur globalen und überkulturellen Forschung und Therapieanwendung.

Die stärksten Impulse der EU-Öffnung nach Osten kommen vom geistigen Fortschritt , vom Wissen und der Fähigkeit, diese in eine innovative Medizin umzusetzen. Die geistigen Ressourcen dieser Länder werden wie vor dem letzten Weltkrieg die Entwicklung optimieren.

Gerade diese Länder werden aufbauend auf dem bestehenden Niveau der Forschung förderlich sein.

Im neuen Millennium werden das unendlich vermehrbare Wissen durch globale Forschung  und  dessen Umsetzung in praktische Medizin ungeahnte Erfolge bringen.

 

Computer und die Entdeckung von Cyberspace werden einen gigantischen Lernprozess in Gang setzen.

Der immaterielle Anteil, d.h. das, was wir Menschen  erforschen und erfinden, wird den materiellen und technischen Gewinn dominieren.

 

Schluß

Das erste Millennium begann mit dem geozentrischen Weltbild des Ptolemaeus, ihm folgte um 1500 die heliozentrische Sicht des Kopernikus, als Arzt, Theologe und Astronom. Nun richten sich unsere Erwartungen auf den homo symbioticus, wie es der Forscher Joèl de Rosnay beschreibt, der trotz oder gerade wegen des

ungeheuren wissenschaftlichen Fortschritts ungeahnte Perspektiven entfalten wird.

Die Rückbesinnung des Menschen auf seine geistigen Fähigkeiten wird ihn veranlassen,  den Blick auf die Welt als Ganzes zu richten, d.h. langfristiger und perspektivischer als bisher zu denken und zu handeln.

Wir Ärzte dürfen dabei eingedenk der immer geringer werdenden Halbwertzeit ärztlichen Wissens nicht in den Rausch diagnostischer und therapeutischer Möglichkeiten verfallen und das Humankapital – das primär unseren Beruf ausmacht – vernachlässigen.

 

Wir haben die enorme Chance, das neue europäische Gesundheitssystem mit zugestalten. Die finanziellen Ressourcen in der EU sind vorhanden, wenn es gelingt, der Bevölkerung den Wert ihrer Gesundheit klar zu machen.

 ERASMUS-Programm zum Studentenaustausch gefolgt von der Möglichkeit Assistenten in allen Ländern der EU weiterzubilden, das europäische Facharzt-Examen, die kommende gemeinsame Fortbildung (CME); sie alle stehen für Gemeinsamkeit und Wissenstransfer. Nutzen wir diese Instrumente, die meiner Generation leider noch nicht offen standen.

Die vor uns liegenden Herausforderungen werden wir bewältigen, wenn wir langfristige Strategien und Visionen entwickeln, die mit einer Rückbesinnung auf unsere ärztliche Werteordnung verbunden sind.

Die europäische Ophthalmologie muß ihre Identität in Forschung und Praxis in der Welt bewahren.

 

Dr, Rolf Grewe

Frauenburgstrasse 12

48155 Münster