Inzidenz
und Prävalenz der altersabhängigen Makuladegeneration (AMD)
Leserbrief zur Übersichtsarbeit von Prof. Dr.
Kirchhof: "Die altersabhängige Makuladegeneration" in DÄ 97, Heft
21, S. 1111-1115, 26.05.2000
In der Übersicht zur altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) im o.g.
Artikel wird die Prävalenz von Blindheit nach deutscher Definition (Visus <
1/50) aufgrund AMD für 65- bis 74-Jährige
mit ein Prozent und für 75- bis 84-Jährige mit fünf Prozent angegeben. 1997 lebten in Deutschland
über vier Millionen Personen im Alter von 75 bis 84 Jahren und fast 7,4 Millionen
im Alter von 65 bis 74 Jahren (1).
Den prozentualen Angaben von Professor Kirchhof zufolge wären in Deutschland
1998 allein in der Altersgruppe der 75- bis 84-Jährigen ca. 200 000 Menschen
infolge AMD blind gewesen. Nach Angaben der Schwerbehindertenstatistik des Statistischen
Bundesamtes (StaBa) gab es 1997 jedoch "nur“ rund 82 000 Blinde in Deutschland
in allen Altersgruppen und für alle Blindheitsursachen (2). Andere Autoren kommen
aufgrund anderer Quellen zu etwas höheren Angaben. So bezifferten Krumpaszky
et al. (1999) (3) für 1995 die Zahl der Blindengeldempfänger auf 112 000 Personen.
Allerdings haben in sechs (Berlin, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen,
Sachsen und Sachsen-Anhalt) von sechzehn Bundesländern außer Blinden auch „hochgradig
Sehbehinderte“ Anspruch auf Zahlung von Blindengeld (4).
Die von Kirchhof angegebenen Prävalenzen von Blindheit infolge AMD stimmen dann mit der Literatur überein,
wenn sie sich auf die Häufigkeit der späten Formen der AMD ohne Berücksichtigung
einer wie auch immer gearteten Sehbehinderung beziehen, so z.B. in der Beaver Dam Studie aus
den USA (5) oder der Blue Mountains Studie aus Australien (6).
Nur eine Minderheit der Patienten mit später AMD erleidet einen Visusverlust
bis zu legaler Blindheit (7). Die Mehrzahl der Patienten mit später AMD verbleibt
ein Restsehvermögen im Sinne der deutschen Definition von "hochgradiger
Sehbehinderung" (Visus < 1/35 im besseren Auge) und „Sehbehinderung“
(Visus < 1/15 im besseren Auge) oder besser. Es ist zu beachten. dass die
deutsche Definition von Blindheit, wie sie das Bundesministerium für Arbeit
und Sozialordnung in den Anhaltspunkten für die ärztliche Gutachtertätigkeit
im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertengesetz in Anlehnung
an die Bestimmungen der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) vorgeschlagen
hat, im internationalen Vergleich sehr streng ist.
Exsudative AMD als eine Spätform der AMD (neben atrophischer AMD) ist
für 60 bis 80 Prozent aller Blindheitsfälle durch AMD verantwortlich (8). Nach
eigenen Berechnungen auf Grundlage der Häufigkeitsverteilung der Spätformen
der AMD aus der Beaver Dam Studie (5) sowie der Annahme eines Blindheitsrisikos
von 1:20 bei exsudativer AMD (8) wird die Zahl Blinder in folge exsudativer
AMD für das Jahr 2000 in Deutschland auf rund 20 000 Personen geschätzt. Unsere
Berechnungen stimmen gut mit den für Oberbayern und Köln/Düsseldorf ermittelten
Ursachenverteilungen von Blindheit überein. In beiden Untersuchungen war AMD
hinsichtlich Prävalenz und Inzidenz häufigste Blindheilsursache. Sie hatte in
Oberbayern einen Prävalenzanteil von 15,4 Prozent (9) und in den Regierungsbezirken
Köln/Düsseldorf von 32,5 Prozent (10). Dies deutet auf die Plausibilität der
unserer Modellrechnung zu Grunde liegenden Annahmen hin.
Auf Grundlage der Prävalenzangaben der Beaver Dam Studie (5) wird die
Zahl der Personen im Alter von 43 bis 86 Jahren in Deutschland mit Veränderungen
hinweisend auf exsudative AMD in mindestens einem Auge aufgrund 430 000 für
das Jahr 2000 eingeschätzt.
(1) Statistisches Bundesamt: Bevölkerung am 31.12.1997; eigene Berechnungen
(2) Statistisches Bundesamt, Schwerbehinderte, Gesundheitswesen Fachserie 13, Reihe 5.1, 1997; eigenen Berechnungen
(3) Krumpaszky HG, K Dietz, A Mickler, HK Selbmann: Mortality in Blind Subjects, Ophthalmologica, Karger AG Basel (1999) 213: 48-53
(4) Deutscher Blinden-und Sehbehinderten Verband, Bonn [DBSV}, 2000
(5)
Klein R et al.: Prevalence of Age-related
maculopaty – The Beaver Dam Eye Study, Ophthalmology (1992) 99 933-943
(6)
Mitchell P, W Smith, K Attebo, JJ Wang:
Prevalence of age related maculopathy in Australia. The Blue Mountails Eye Study;
Ophthalmology (1996); 102: 1450-60
(7)
Vinding T: Acta Ophthalmologica Scandinavica
(1995) Suppl. 21: 1-32
(8) Krumpaszky HG, V Klauß: Epidemiology of Blindness and Eye Disease. Ophthalmologica, Karger AG Basel (1996) 210: 1-84
(9) Krumpaszky HG, V Klauß, G Klose: Sehbehinderung und Blindheit: Sozialmedizinische und praktische Aspekte der Eepidemiologie von Sehbehinderung und Blindheit am Beispiel der Makuladegeneration, Der Augenspiegel (1992); 6: 32-39
(10)
Bertram B, H Hammers: Die Prävalenz der Erblindungen
wegen diabetischer Retinopathie steigt weiter. Z. prakt. Augenheilkd. (1997);
18: 181-184; zitiert in: M Gräf, E Halbach, H Kaufmann: Rechtsfragen und Begutachtung,
Erblindungsursachen in Hessen 1996; Klein. Monatsbl. Augenheilkd. (1999), 215:
50-55
i.A.
Dr. med. Stephan Kupsch MRCGP
Korrespondenz:
Institut für Gesundheits.System-Forschung
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