
Alleinige Strahlentherapie bei
schwerer, progredienter endokriner Orbitopathie:
Langzeitergebnisse und Vergleich verschiedener
Klassifikationssysteme
Michael Heinrich Seegenschmiedt 1, 5,
Gabriele-Charlotte Gusek-Schneider 2,
Anselm Jünemann 2, Ludwig Keilholz 1,
Wolfgang Becker 3, Johannes Hensen 4
Abstract
Einleitung
Patienten und Methoden
Ergebnisse
Schlußfolgerung
1 Institut für Strahlentherapie der Universität
Erlangen-Nürnberg
(Direktor: Prof. Dr. R. Sauer)
2 Augenklinik mit Poliklinik der Universität
Erlangen-Nürnberg
(Direktor: Prof. Dr. GOH Naumann)
3 Nuklearmedizinische Klinik der Universität
Erlangen. Nürnberg
(Direktor: Prof. Dr. F. Wolf)
4 Medizinische Klinik I ( Abteilung Endokrinologie)
mit Poliklinik der Universität Erlangen.Nürnberg
(Direktor: Prof. Dr. E.G. Hahn)
5 Klinik für Radioonkologie, Strahlentherapie und
Nuklearmedizin
(Leitender Arzt: Priv.- Doz. Dr. M H Seegenschmiedt)
Alfried Krupp Krankenhaus Essen- Rüttenscheid
Anfragen und Sonderdrucke an:
Priv. Doz. Dr. Michael Heinrich Seegenschmiedt
Alfried Krupp Krankenhaus Essen- Rüttenscheid
Alfried- Krupp-Straße 21
45117 Essen -Rüttenscheid
Evaluation of different scores
for Graves`orbitopathy during therapy and follow up
Summary
Background
Therapeutic results after radiotherapy in thyroid associated
orbitopathy (TAO) often are not comparable, because either
different therapeutic methods at the same time or different
scores were used in the evaluation. This study focusses on
radiotherapy alone by means of different evaluation scores.
Patients and methods
60 patients (49 women, 11 men) received the standard
retrobulbar external beam radiotherapy (20 Gy: 10 fractions of
each 2Gy) as ultima ratio after fail of different other therapies
of thyroid associated orbitopathy. The mean interval from
beginning of the symptoms to the radiotherapy was 17+ 36
months (between 6 and 240 months). The follow up was documented
-classified by means of 4 different scores-before radiotherapy,
6-12 weeks, 1 year after radiotherapy and at last follow up. The
changes of symptom categories or grades of the different scores
were analysed.
Results:
Significant changes of the opthalmic scores were observed when
comparing the endpoints at 6-12 weeks, and at 1 year follow up
after radiotherapy. The "classical" Werner score at 12
months follow up did not well correlate with the other TAO
scores: American thyroid association (ATA) scoring system,
Stanford scoring system, International ophthalmopathy index,
while all other TAO scores revealed a high correlation among each
other. According to the Orbitopathy Index (OI) of Grußendorf an
improvement from 14,2 points to 6,0 points was achieved. Soft
tissue involvement and corneal involvement demonstrated the
highest response rate (83/ 87%) , extraocular muscle involvement
and proptosis a good response rate (69/70%). No long-term
complications were observed.
Conclusion:
According to this study there are indications that the
retrobulbar external beam radiotherapy is a suitable therapy even
after pretreatment and a longer course of TAO. The OI, the ATA
and the Stanford scoring systems lead to simular results in the
assessment of thyroid orbitopathy.
Key words:
thyroid associated orbitopathy- scores- radiotherapy
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Einleitung:
Klinische Symptome der Endokrinen Orbitopathie (EO)
Die endokrine Orbitopathie (EO) tritt bei Patienten mit
Hyperthyreodismus und diffusem toxischem Kropf (Morbus Basedow,
Graves Disease) auf. Sie ist nur selten assoziiert mit
einer Autoimmunthyreoditis Hashimoto und Myxödem bei euthyreoten
Patienten.
Unangenehme aber leichtere Augensymptome umfassen Sicca-
Symptomatik mit Tränenträufeln, Augenbrennen und Druckgefühl
sowie Bindehautchemosis oder Lidödeme, periorbitale Ödeme und
Lichtscheu; gravierendere Augenmanifestationen Proptosis,
Augenmuskelvergrößerungen mit mechanischer Einschränkung
dieser und Doppelbildern, korneale Reizungen und schlimmstenfalls
die Schädigung des Nervus opticus durch Kompression mit
Sehschärfenverlust und Gesichtsfeldeinschränkungen.
Klassifikationssysteme
In der Vergangenheit sind verschiedene Klassifikationen
entwickelt worden, um die endokrine Orbitopathie klinisch
einzuteilen und den natürlichen Verlauf, das Ansprechen auf
Therapie und den prognostischen Einfluß spezifischer Symptome zu
ermöglichen:
Das ursprüngliche Klassifikationssystem von Werner 1969 schlug
sechs Klassen von Symptomen oder Symtomenkategorien ohne
Einteilung in Schweregrade vor:
Stadium I: Augenzeichen, aber keine Symptome, z.B.
Oberlidretraktion, seltener Lidschlag
Stadium II: Weichteilgewebsbeteiligung (Symptome und Zeichen)
Stadium III: Proptosis ( mehr als 3mm über dem Normalwert
Stadium IV: Augenmuskelbeteiligung
Stadium V: Corneale Beteiligung
Stadium VI: Sehvermögenseinschränkung (Sehnervenbeteiligung)
Dieses System wurde von der Amerikanischen Schilddrüsen
Gesellschaft (ATA) verabschiedet und später als sogenanntes
" NO SPECS" Klassifikationssystem modifiziert. Es
unterscheidet 6 Symptome und drei Schweregrade. Zum ersten Mal
war es damit möglich einen Ophthalmopathie-Index zu berechnen.
Ein anderes, leicht modifiziertes Klassifikationssystem wurde am
Stanford University Medical Center benutzt: In der der Einteilung
der Klassen unterscheidet es sich von den ersten beiden nur
dadurch, daß die Klasse/ Stadium I mit nur Augenzeichen nicht
berücksichtigt wird.
Erst kürzlich wurde ein Orbitopathie- Index von Grußendorf für
die Klassifikation der EO eingeführt. Er benutzt die ATA
Klassifikation, wendet aber andere Bewertungsfaktoren für jede
Symptomenkategorie und jeden Grad an. Im Vergleich zur
modifizierten ATA Punkteskala (maximal 18 Punkte) und zur
Stanford Punkteskala (maximal 15 Punkte) wird so ein maximaler
Punktewert von 54 Punkten erreicht und somit eine feinere
Graduierung möglich.
Insgesamt unterscheiden sich die 4 erwähnten
Klassifikationssysteme kaum in den verschiedenen
Stadieneinteilungen, eher durch die Abstufungsmöglichkeiten.
Unsere klinische Studie hatte zwei wesentliche Beweggründe:
zum ersten wurde sie konzipert, um die Effizienz der Megavolt-
Radiotherapie bei vorbehandelten Patienten mit schwerer
progressiver endokriner Orbitopathie zu analysieren und zweitens,
um die Anwendbarkeit und den prognostischen Wert von 4
etablierten EO Klassifikationssysteme zu vergleichen.
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Patienten und Methoden:
60 Patienten (49 Frauen, 11 Männer) erhielten die
standardisierte retrobulbäre Megavoltradiotherapie (20 Gy, 10 x
2Gy fraktioniert) als ultima ratio der endokrinen Orbitopathie
nach dem Scheitern anderer Therapien. Die mittlere Zeitdauer von
Beginn der Symptome bis zum Zeitpunkt der Radiotherapie betrug 17+
36 Monate (zwischen 6 und 240 Monate).
Der klinische Verlauf wurde - anhand von 4
Klassifikationssystemen eingeordnet -
vor der Strahlentherapie, 6-12 Wochen, 1 Jahr danach und zum
aktuellen Zeitpunkt festgehalten. Die Änderungen von
Symptomenkategorien oder Stufen der verschiedenen
Klassifikationssysteme wurden analysiert.
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Ergebnisse (siehe Tabelle) :
Eine signifikante Veränderung von Werten auf allen
ophthalmologischen Bewertungsskalen wurde beim Vergleich 6-12
Wochen und 1 Jahr nach Strahlentherapie beobachtet.
Die klassische Bewertungsskala nach Werner korrelierte nach 12
Monaten kaum mit den anderen Bewertungsskalen der endokrinen
Orbitopathie (Korrelationseffizienz r < 0.5): der
modifizierten ATA Bewertungsskala, der Stanford Bewertungsskala,
dem Orbitopathie Index (OI) nach Grußendorf, während diese
untereinander eine hohe Korrelation zeigten (r > 0.9).
Gemäß dem OI nach Grußendorf wurde eine Verbesserung von
durchschnittlich 14,2 auf 6 Punkte erzielt.
Weichteilgewebsbeteiligung und Hornhautbeteiligung wiesen die
höchste Ansprechrate (83 bzw 87%), extraokulare Augenmuskeln und
Proptosis eine gute Ansprechrate (69 bzw 70%) auf. Langfristige
Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet.
Tabelle Behandlungsergebnis gemäß verschiedener
Ophthalmopathie - Klassifikationssysteme
| Bewertungsskala |
Vor Strahlentherapie |
3monatige
Verlaufskontrolle |
12monatige Verlaufskontrolle |
Verbesserung insgesamt * |
| Werner (Grade) |
III: 5; IV: 33; V: 6; VI: 16 |
0/I: -; II: 4;
III: 7; IV: 34;
V: 2; VI: 13 |
O/I: 2; II: 9;
III: 9; IV: 28;
V: 1; VI: 11 |
28 (47%) Patienten |
modifizierte ATA
(Gesamtpunktzahl) |
7,7 + 2,0
(3-13) |
6,0+ 2,0
(2-12) |
4,0+2,0
(0-11) |
3,7+2,5
48 (80 %) Patienten |
Stanford (Gesamt-
punktzahl) |
6,0 + 2,1
(2-12) |
4,5+ 1,8
(1-11) |
2,9+ 1,6
(0-9) |
3,2+ 2,2
47 (78%)
Patienten |
OI
(Gesamtpunktzahl) |
14,2 + 5,5
(4-31) |
9,7+ 4,6
(2-27) |
6,0+ 3,8
(0-20) |
8,2+ 5,3
55 (92%) Patienten |
Subjektive Verbesserung
(Patientenzahl) |
55 im Fortschreiten
5 stabil |
2 im Fortschreiten
22 stabil
35 verbessert (+)
1 verbessert (++) |
4 im Fortschreiten
15 stabil
15 verbessert (+)
25 verbessert (++) |
56 stabil oder verbessert ** |
* Als Verbesserung wurden gewertet:
Werner Grad > 1 Grad; ATA/ Stanford/IOP > 2 Punkte
** Als Verbesserung wurde gewertet: > 20% auf Skala
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Schlußfolgerung
Nach dieser Studie fanden sich Hinweise darauf, daß eine
Strahlentherapie auch nach längerem Verlauf der endokrinen
Orbitopathie zu Verbesserungen führen kann.
Zur exakten Bewertung sind mindestens 12 Monate Nachbeobachtung
und einheitliche Bewertungskriterien erforderlich.
Die Klassifikationssysteme mit den feineren
Abstufungsmöglichkeiten:
die modifizierte ATA Bewertungsskala, die Stanford
Bewertungsskala und der Orbitopathie Index (OI) nach Grußendorf
ermöglichen eine genauere Verlaufskontrolle der Therapie der EO
als die klassische Bewertungsskala nach Werner.
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