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Immunprivileg im Auge
Das Auge ist ein ganz besonderes und faszinierendes Organ. Die extrem gute Prognose von HH-Transplantationen zeigt, daß das Auge auch immunologisch einige Besonderheiten aufweist. Die Rate von kornealen Transplantatreaktion liegt in der Literatur bei etwa 10%. In unserer Studie im Rahmen des IZKF sahen wir bei Patienten mit nicht-vaskularisierten Hornhäuten eine Rate von nur etwa 2%.
Im Folgenden möchte ich über regionale Besonderheiten des okulären Immunsystems sprechen. Dazu werde ich das Immunprivileg definieren, die Notwendigkeit eines Immunprivilegs deutlich machen und verschiedene Mechanismen des Immunprivilegs aufzeichnen. Die erste Beschreibung eines Immunprivilegs stammt von Medawar aus dem Jahre 1948. Er charakterisierte Immunprivileg als das deutlich verlängerte Überleben von in das Auge transplantierten allogenen Zellen im Vergleich zu einer subkutanen Transplantation der selben Zellen.
Vor einigen Jahren konnte gezeigt werden, daß auch allogene Tumorzellen
nach einer Injektion in die Vorderkammer des Auges ein deutlich verlängertes
Überleben zeigen. Bei Kontrollexperimenten am Schepens Eye Research
Institute in Boston sahen wir, daß allogene P815 Tumorzellen nach subkutaner
Injektion unter die Haut von BALB/c Mäusen nach etwa einer Woche abgestoßen
wurden. Im Gegensatz dazu wuchsen diese Zellen in der Vorderkammer ungehemmt
und führten schließlich zum Tod der Tiere durch intrakranielle Ausbreitung. Warum aber gibt es diese physiologisch reduzierte Immunantwort im Auge?
Im Auge würde jede Entzündung mit nachfolgender Narbenbildung zu einer
Trübung der optischen Achse von Hornhaut, Vorderkammer und Linse und
damit zu einer Einschränkung des Sehvermögens führen. Außerdem sind
die neuronalen Elemente im Auge nicht regenerationsfähig hier der hintere
Augenabschnitt mit Sehnervenkopf, Makula und gesamter Netzhaut. Eine
unspezifische Zerstörung von Nachbargewebe bei einer intraokularen Entzündung
würde also deletäre Folgen haben. Hier muß ein Kompromiß zwischen Abwehr
von Erregern und dem Erhalt der Funktion des Auges gefunden werden.
Das HH-Endothel, hier eine Endothelmikroskopische Aufnahme, ist unter normalen Umständen nicht regenerationsfähig und bei einer starken Reduktion dieser Zellen kommt zur irreversiblen Eintrübung der Hornhaut. Für den Patienten bedeutet dies eine starke Reduktion der Sehkraft und Schmerzen wegen der starken HH-Quellung.
An der Netzhaut ist eine Entzündung ähnlich zerstörerisch. Es kommt
zur Vernarbung der neurosensorischen Netzhaut mit dem Pigmentepithel
und der Aderhaut. Bei die Entzündung im Bereich der Fovea, führt das
zu einem irreversiblen Verlust der zentralen Sehschärfe.
Mein besonderes Interesse gilt dem subretinalen Raum zwischen neurosensorischer Netzhaut - hier bei der Maus- mit seinen unterschiedlichen Schichten und dem retinalen Pigmentepithel. Der subretinale Raum ist ein potentieller Spaltraum der sich zum Beispiel bei einer Netzhautablösung wieder öffnet. Dies ist der Raum der Retinatransplantate aufnehmen soll und deshalb unsere besondere Aufmerksamkeit genießt. Mit Hilfe mikrochirurgischer Techniken lassen sich Proteine oder Zellen, hier P815 Tumorzellen in diesen Raum injizieren. Auf diesen Teil meiner Untersuchungen werde ich heute aber nicht gezielt eingehen. Welche Charakteristika zeigt nun das Immunprivileg um das Auge vor einer Entzündung und deren Folgen zu schützen?
Medawar sah als Hauptgrund für das Immunprivileg im Auge die praktisch
fehlende Lymphdrainage an. Antigene verlassen das Auge hauptsächlich
durch das Trabekelwerk direkt in das Blutsystem und erreichen als erstes
Lymphorgan die Milz. Damalige Versuche hatten gezeigt, daß bei Entfernung
der drainierenden Lymphknoten an der Haut eine subkutane Antigeninjektion
nicht zu einer Immunisierung führt. Man folgerte daß Antigen im Auge
sequestriert werden und das Immunsystem nicht erreichen.
Im hinteren Augenabschnitt gibt es im Prinzip die selbe Aufteilung. Die retinalen Kapillaren sind ungefenstert. Die choroidalen sind gefenstert und die Verhoefsche Membran des retinalen Pigmentepithels bildet die äußere Blut-Retina-Schranke. Im Gegensatz zu früheren Anschauungen spielen im Auge außer den genannten passiven Mechanismen aber noch andere aktive Mechanismen eine Rolle bei der Aufrechterhaltung des Immunprivilegs.
Wenn man wie im ersten geschilderten Versuch P815 Zellen in BALB/c Mäuse injizierte, kann man nach 14 Tagen bestrahlte P815 Zellen in das Ohrläppchen injizieren und anhand der Ohrschwellung die verspätete Überempfindlichkeitsreaktion gegen P815 Antigene messen. Nach einer Erstinjektion unter die Haut kommt es erwartungsgemäß zu einer massiven Schwellung. Nach Injektion in die Vorderkammer oder den subretinalen Raum zeigt sich eine signifikante Suppression der verspäteten Überempfindlichkeitsreaktion. Als Negativkontrolle wurde P815 in das Ohrläppchen von naiven BALB/c Mäusen injizierte.
Diese Unterdrückung der Antigen spezifischen verspäteten Überempfindlichkeitsreaktion
läßt sich auch auf naive Tiere übertragen. Dazu werden eine Woche nach
der Injektion von P815 Zellen Splenozyten der Tiere gewonnen und in
naive Tiere injizierte. Unmittelbar danach erfolgt eine subkutane Immunisierung
mit P815 Zellen. Eine solche Immunisierung führt normalerweise zu einer
starken verspäteten Überempfindlichkeitsreaktion nach Injektion von
P815 Zellen in das Ohrläppchen. Bei den Mäusen, die Milzzellen von Tieren
nach intraokulärer Injektion erhalten haben findet sich dagegen eine
signifikante Suppression der verspäteten Überempfindlichkeitsreaktion.
Eine Injektion von Antigenen in das Auge führt also zu einer aktiven
Veränderung der systemischen Immunantwort.
Anhand einer Skizze möchte ich die unterschiedlichen Mechanismen der afferente Phase der Immunantwort im Auge beschreiben. Im Tierversuch konnte gezeigt werden, daß eine Antigeninjektion in die Vorderkammer des Auges zu einer Aktivierung von ortsständigen antigenpräsentierenden Zellen führt. Unter dem Einfluß von Kammerwasser, besonders dem Faktor TGF-ß2 erhalten diese Zellen besondere Fähigkeiten. Antigenpräsentierende Zellen mit den selben Eigenschaften lassen sich unter dem Einfluß von Kammerwasser oder TGF-beta auch im Reagenzglas erzeugen. Wenn diese Zellen über den Blutkreislauf in die Milz dem drainierenden Lymphorgan des Auges gelangen kommt es zu einer Aktivierung von T Zellen. Im Gegensatz zu einer typischen Immunreaktion werden T Zellen expandiert, die spezifisch die verspätete Überempfindlichkeitsreaktion unterdrücken, B-Zellen werden zu Produktion von nicht Komplement-bindenden Antikörpern angeregt und cytotoxische T Zellen expandieren. Auch das Zytokinmuster dieser Reaktion ähnelt einer Th2 Reaktion. Zusätzlich zu diesen Veränderungen der Induktion einer Immunantwort, gibt es auch in der Effektor-Phase spezifische Besonderheiten.
Die Blut-Augen-Schranken als Barrieren hemmen zuallererst den Eintritt
von Immuneffektoren. Die produzierten Vorläufer cytotoxischen T Zellen
werden im Auge nicht aktiviert und können ihr Wirkung nicht entfalten.
Kammerwasser hemmt zusätzlich die Proliferation und die Aktivierung
von Makrophagen und Lymphozyten und die Aktivierung von Komplement im
Auge.
Herpes simplex Infektionen der Hornhaut zeigen verschiedene Mechanismen kornealer Schädigung. Viren führen meist zu einer epithelialen Entzündung, gelegentlich aber auch zu HH-Trübungen und einer Persistenz des Virus im Auge. Zusätzlich kann es zu ausgeprägten disziformen stromalen Narben kommen, welche durch die immunologische Reaktion gegen Viruspartikel ausgelöst sind. Studien von Prof. Holbach aus unserem Hause konnten zeigen, daß im Gegensatz zu leichten HH-Trübungen in reich vaskularisierten dichten Narben keine viralen Partikel mehr nachweisbar sind, was auf die immunologische Genese der Veränderungen hinweist. Im Tierversuch konnte gezeigt werden, daß nur Tiere mit systemischer verspäteter Überempfindlichkeitsreaktion gegen HSV eine stromale Narbe mit Trübung der optischen Achse nach Injektion des Virus in die HH zeigen.
Zusammenfassend besitzt das Auge Charakteristika eines Immunprivilegierten
Organs. Transplantierte allogenen Zellen und Tumorzellen zeigen ein
deutlich verlängertes Überleben und die Beeinflussung des Immunsystems
geschieht auf lokaler sowie auf systemischer Ebene. Ein Immunprivileg
besteht für verschiedene Kompartemente des Auges wie die Vorderkammer
oder den subretinalen Raum. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. |